Ich hab nichts zu verbergen – DOCH!

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Dieser Beitrag wurde ursprünglich auf datenschutzhelden.org unter der „Creative Commons Attribution 4.0 International License“ veröffentlicht. Den Original-Artikel kannst du dir bei archive.org ansehen.

Vorwarnung: Dieser Artikel ist keine Anleitung oder ähnliches. Der Artikel ist eine Stellungnahme zu dem unsinnigen Satz: Ich hab nichts zu verbergen.

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Dieser Satz fällt im Laufe eine Gesprächs über Datenschutz oft…viel zu oft.

Solltet ihr selbst diesen Satz gebrauchen, möchten wir euch gerne aufzeigen wieso er keinen Sinn macht. Der Rest von euch, erhält von uns ein paar neue Argumente und am Ende auch eine Schritt für Schritt Anleitung um diesen Unsinn aus der Welt zu schaffen.

Bei dem Gebrauch des Satzes geht es meist darum, das der Gesprächspartner keine Lust auf das Thema Datenschutz hat und hofft das ihr mit einem Ach wenn das so ist, dann passt das natürlich und wir müssen nicht weiter diskutieren reagiert. Das macht ihr hoffentlich nicht.

Denn es bedarf nur ein  paar Sekunden um zu erkennen, das jeder etwas zu verbergen hat und das auch sehr gut so ist:

  • Gesundheitlicher Zustand bzw. Krankheit
  • Sexuelle Orientierung
  • Finanzielle Situation
  • Probleme mit der Familie

Wenn nun darauf geantwortet wird, das diese Informationen überhaupt nicht online gespeichert sind – DOCH!

  • Habt ihr euch oft das Facebook-Profil/Webseite/Blog einer Person angesehen -> Sexuelle Orientierung
  • Schaut ihr Pornos, vielleicht mit Inhalten die ihr nicht einmal eurem Partner verraten würdet -> Sexuelle Orientierung
  • Ihr wolltet euch online über informieren, was die beste Behandlung für eure Krankheit ist oder zu welchen Experten ihr gehen solltet -> Krankheit
  • Bei Problemen in der Familie schriebt ihr immer einem Freund eine Email, damit dieser euch berät und tröstet -> Probleme mit der Familie
  • Und das die Schufa alles über eure finanzielle Situation zusammengetragen hat, brauchen wir wohl nicht zu erwähnen
  • Zu jedem Teil eures Lebens lässt sich die Möglichkeit aufzeigen, wie diese online ausgelesen wird. Wir befinden uns im  Informationszeitalter

Aber es interessiert sich doch niemand für mich – DOCH!

Vor der Digitalisierung kann dieses Argument evtl. noch Sinn gemacht haben, denn Überwachung war teuer und aufwändig. Doch in unserer heutigen Zeit, besteht der Unterschied zwischen der Überwachung von hunderten oder milionen Menschen nur noch darin, ein paar Computer mehr anzuschalten. Kosten dafür sind kaum vorhanden.

Denn wenn man die Informationen über euch heute noch nicht braucht, dann vielleicht in ein paar Jahren und dann ist es sehr praktisch diese schon abgefangen und gespeichert zu haben.

Habt ihr schon einmal etwas von den Rosa Listen gehört? Seit dem Kaiserreich wurden Listen von männlichen Homosexuellen geführt. Zuerst nur aus Gründen der Verwaltung begonnen, wurden die Listen in der Zeit des Nationalsozialismus zur gezielten Tötung von homosexuellen ausgenutzt.

Wie ihr seht, können Informationen die zum jetzigen Zeitpunkt noch unbedenklich sind in zukünftigen Situationen sehr brisant werden.

Wahrscheinlich seit ihr schon heute interessant für Überwachung, da ihr euch für Gegenmaßnahmen (z.B. die Tipps der Datenschutzhelden) interessiert. Oder ihr habt euch vielleicht zu intensiv mit einem kontroversen Thema beschäftigt.

Wie erdrückend das wissen über Überwachung ist berichtet Anne Roth: https://www.freitag.de/autoren/der-freitag/bitte-recht-freundlich

Nun könntet ihr als Gegenmaßnahme zu Überwachung die Möglichkeit aufzuzeigen, einfach nicht mehr über kontroverse Themen zu berichten oder euch digital darüber auszutauschen: Diese Reaktion nennt man Chilling Effekt

Nun wird es etwas politisch: Oft wird Überwachung als Gegenmaßnahme zu Terror angeführt. Denn eigentlich wird durch Überwachung alles besser [/Ironie aus]

Die Politik prägt selbst oft die Aussage, das ein unbescholtener Bürger doch nichts zu verbergen oder zu befürchten hat. Mit diesem Argument wird ein Ungleichgewicht zwischen Bürgern und Staat geschaffen. Denn der Staat hat ja offensichtlich das Recht etwas verbergen zu wollen. Wir haben für diese Staatsorgane, über die die Bevölkerung nichts erfahren darf und soll sogar einen eigenen Name: Geheimdienste. Schon in dem Namen dieser Organe ist die Geheimhaltung verankert.

Wir legitimieren diese Dienste mit der Aussage, das ihr Arbeit ohne die Geheimhaltung nicht möglich wäre. Das stimmt auch! (Man kann von Geheimdiensten halten was man will, jedoch ist ihre Arbeit nicht ohne diesen Grundsatz möglich)

Doch was ist mit bürgerlichen Berufen, die ohne Geheimhaltung nicht auskommen? Als Beispiel ist investigativer Journalismus anzugeben. Denn ohne die Geheimhaltung, kann ein Journalist seine Quellen nicht schützen. Daraus folgt das diese Quellen nicht mehr mit Journalisten sprechen werden und somit Missstände nicht mehr aufgedeckt werden können.

Nicht nur spezielle Berufe profitieren von Geheimnissen: Nur wenn wir uns ohne Einschränkungen bilden/informieren und austauschen können ist eine Meinungsbildung möglich.

Wenn ihr noch weiter in die politische Seite des Themas einsteigen möchtet bietet euch folgender Artikel eine gute Grundlage: https://www.heise.de/tp/features/Wer-nichts-zu-verbergen-hat-hat-auch-nichts-zu-befuerchten-3408071.html

Wir hoffen ihr habt erkannt, wie unsinnig die Aussage ist und antwortet in Zukunft mit einem energischen DOCH! darauf.

Ihr habt etwas zu verbergen und das ist euer gutes Recht!

Wie ihr eure Gesprächspartner noch besser überzeugen könnt, beschreibt die folgende Gegenmaßnahme:

Gegenmaßnahme

Einleitung

Die eigene Meinung ist auch immer ein bisschen Selbstbild. Niemand gibt gerne seine Meinung auf und gesteht ein, dass die Überzeugung falsch war. Deshalb trenne ich gerne zwischen

  1. „Ich habe nichts zu verbergen“ und
  2. „Ich muss nicht verschlüsseln“.

Die erste Überzeugung muss der Gesprächspartner gar nicht aufgeben, nur die Schlussfolgerung (2).

Schritt 1: Zustimmen

A: „Ich habe nichts zu verbergen“ Du: Das glaube ich dir gerne, du bist ja auch ein guter Mensch.

Schritt 2: Es geht um Kommunikation

Du: Zur Kommunikation gehören immer zwei. Ich verschlüssele nicht für mich, sondern für die Menschen, die mir wichtig sind.

Schritt 3: Es gibt legitime Gründe für Privatsphäre

Beispiele:

  • Eine gute Freundin ist schwer erkrankt. Sie möchte auf gar keinen Fall, dass das irgendjemand mitbekommt. Schon gar nicht möchte sie, dass andere genau wissen, was sie hat, weil ihr das unangenehm ist, oder weil sie zum Beispiel berufliche Konsequenzen befürchtet. Damit wir trotzdem darüber frei reden können, obwohl wir uns nicht oft sehen, benutzen wir verschlüsselte E-Mails. So kann – bei richtiger Einstellung der Mailverschlüsselung – auch verhindert werden, dass unsere Mails aus Versehen einfach mal weitergeleitet werden (“leaken”), oder dass sich die Mails unverschlüsselt auf der Festplatte befinden.
  • Es gibt Familien, in denen sich alle einen Computer teilen. Da wäre es ja toll, wenn die eigenen E-Mails vor Papas neugierigen Blicken geschützt sind.

Du kennst bestimmt auch Leute, die aus gutem Grunde Geheimnisse haben wie zum Beispiel Anwälte und Ärzte. Oder Verwaltungen, die mit Kundendaten umgehen. Wäre es nicht gut, wenn dein Anwalt auf sicherem Wege mit dir reden könnte?

Schritt 4: Es geht darum seine Meinung ändern zu dürfen.

Jeder macht mal Fehler. Wenn meine alten Irrtümer mich für immer verfolgen würden, dann würde ich mich garnicht mehr trauen meine Meinung zu sagen. Sonst würde ich ja für immer darauf festgenagelt.

Quelle: wiki.piratenpartei.de

Fragetest

“Ich habe nichts zu verbergen!” – Fragetest –

Anmerkung: Das funktioniert erfahrungsgemäß eher schlecht. Leute merken,wenn man sie bloß stellen will und werden damit argumentieren, dass es ja um den Staat geht und die Daten ja nur im konkreten Fall angeschaut werden etc. …–Nivatius

Um eine präzise Antwort auf die Phrase “Ich habe nichts zu verbergen!” geben zu können, sollte man sich verschiedenen Fragen stellen. Diese Fragen sind bewusst praxisbezogen aus dem Leben gegriffen und als kleiner Test angelegt. Dabei sollte man/frau tunlichst vermeiden, in irgend einer Form eine Antwort oder Hilfestellung zu geben. Der Gefragte wird seine eigene Antwort schon geben! … und wenn nicht darüber nachdenken. Ein paar Fragen als Beispiel:

  1. Würdest du dein Verhalten ändern, wenn dir jemand immer, an jeden Tag 24 Stunden lang, 7 Tage in der Woche, über die Schulter schaut?
  2. Würdest du deinem Nachbarn sagen, was du verdienst? – oder einfacher: Was verdienst du?
  3. Warum schließt du deine Haustür ab? – oder genauer: Warum machst du deine Haustür hinter dir zu?
  4. Würdest du jedem sagen, wann du das letzte Mal Sex hattest? – oder einfacher: Hattest du heute schon Sex? … dann lächle …
  5. Hast du schon mal gelogen, um etwas zu verbergen?
  6. Würdest du im Urlaub einen FKK-Strand benutzen oder nackt baden? Wenn “Nein” Warum nicht?
  7. Warum willst auf ein verbrieftes Menschenrecht verzichten? (Info: Alle diese Schnüffelstaaten haben die Menschenrechtsdeklaration unterschrieben.)
  8. Hattest du heute schon Stuhlgang?
  9. Würdest du auf einer Raststätte eine Toilette ohne Tür benutzen?
  10. Hast du einen Vibrator?
  11. Wie hoch ist dein Sparguthaben?
  12. Wieviel hattest du in diesem Monat in der Lohntüte? – oder heute: Was Stand auf deiner Gehaltsabrechnung als Auszahlungsbetrag?

Quelle: wiki.piratenpartei.de

– Eure Datenschutzhelden

Quellen:

  • http://www.spiegel.de/netzwelt/netzpolitik/prism-und-tempora-das-gefuehl-der-ueberwachung-a-908245.html
  • http://www.daten-speicherung.de/index.php/faelle-von-datenmissbrauch-und-irrtuemern/
  • https://www.heise.de/tp/features/Wer-nichts-zu-verbergen-hat-hat-auch-nichts-zu-befuerchten-3408071.html
  • https://wiki.piratenpartei.de/Ich_habe_nichts_zu_verbergen!#Argumentationslinien
  • https://www.freitag.de/autoren/der-freitag/bitte-recht-freundlich
  • https://www.eff.org/node/81889
  • http://blog.amnesty.de/aktuelles/2015/06/04/7-gruende-weshalb-ich-habe-nichts-zu-verbergen%E2%80%9C-die-falsche-reaktion-auf-massenueberwachung-ist.html
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